Geschichten mit Keks: „Sandra und der doppelte Keks“

31.08.2014 - KATEGORIEN: Geschichten mit Keks

Vom Flughafen per Taxi war es direkt zu ihrer neuen Wohnung gegangen. Das deutsche Wetter hatte Sandra wieder. Sie war schnell zum Haus gehuscht und hatte in den Briefkasten geguckt, auch weil sie überlegt hatte, ob Bernd ihr geschrieben haben könnte. Denn sie hatte im Spanienurlaub an ihn gedacht, waren sie doch vor der Trennung zusammen dort gewesen. Sie hatte sich nach dem Zerwürfnis als Erstes eine ganz andere Frisur machen lassen, hatte inzwischen ein neues Auto und nun eine neue Wohnung. Es kam ihr vor, als wäre nichts aus ihrem alten Leben übrig geblieben.

Scan_01a

Ein Brief von Bernd war aber nicht dabei. Ein ungewisses Gefühl machte sich in ihr breit, als sie ihre Wohnungstür aufgeschlossen hatte. Neben dem Üblichen war ein Brief mit handschriftlicher Adresse in der Post. Anstatt „Sandra Müller“ als Adressat stand „S. Müller“ darauf.

Sie öffnet ihn und las erstaunt. Der Brief war ebenfalls handschriftlich verfasst, geschrieben in dunkelblauer geschwungener Handschrift. Mit „Liebe, schöne Unbekannte“ begann er und ließ ihr Herz etwas klopfen. Es war eine Einladung zum Essen in einem kleinen Restaurant nicht sehr weit von ihr. Doch am Ende des Briefes bezog der Absender des stilvollen Briefes, Thomas hieß er, sich auf eine Mail in einem Datingportal. Aber Sandra war noch nie auf einer Datingseite gewesen. Sie überlegte – und ihr fiel ein, dass die Vormieterin ebenfalls „Müller“ geheißen hatte, Sabrina Müller.

Szene_02

Sandra badete ausgiebig, bis sie sich entspannt hatte, packte später ihren Koffer aus und sah in ihrem Handy nach: Sie hatte die Telefonnummer von Sabrina gespeichert. Die war nett und unkompliziert bei der Wohnungsübergabe gewesen. Die Wohnung hatte sie von ihr fertig gestrichen übernehmen können, war eingezogen und dann direkt in den Urlaub geflogen. Sandra war sogar froh über den kurzen aber heftigen Umzugsstress gewesen. Der Urlaub hatte ihr abschließend über die Trennung von Bernd hinweggeholfen. Sie rief Sabrina an, erzählte ihr, dass sie irrtümlich den Brief geöffnet hätte und ob sie ihn ihr nachschicken sollte. Doch die bat sie, ihr den Brief am Telefon vorzulesen. „Wenn ich das gewusst hätte“, scherzte Sabrina. „Aber wirf ihn einfach weg, der ist nett geschrieben aber ich habe meinen Traummann gefunden. Hoffe ich jedenfalls. Alle Tests sind noch nicht abgeschlossen.“ Beide lachten.

Danach saß Sandra mit dem Brief in der Hand in der Küche. Die Einladung war für Samstag in fünf Tagen. Thomas schien ein netter Typ zu sein. Es war spät geworden. Sandra stand auf, warf den Brief in den Papierkorb und ging ins Schlafzimmer. Bevor sie einschlief, blickte sie vom Bett hoch an die Zimmerdecke, dann im Raum umher und durch die halb offen stehende Tür in die Diele. Sie fühlte sich in diesem Moment etwas allein.

Am nächsten Morgen kitzelten Sonnenstrahlen ihr Gesicht. Sie hatte noch Urlaub, den sie nutzen wollte, um der Wohnung den letzten Schliff zu verpassen. Sandra ging noch leicht schläfrig in die Küche, machte sich einen Kaffee und frühstückte. Als sie die Abfälle vom Frühstück wegwerfen wollte, sah sie im Abfalleimer den Brief liegen und nahm ihn in einem Impuls wieder heraus. Sandra strich den Brief glatt, betrachtete ihn gedankenverloren und stellte ihn auf den Küchentisch an die Wand.

Die Woche über besserte sie in ihrer Wohnung noch ein paar Stellen mit weißer Farbe aus, hing Bilder auf und dekorierte die Fensterbänke. Dabei fiel ihr immer wieder der Brief ins Auge. Sandra überlegte: Der Briefschreiber hatte Sabrina nie gesehen auch nicht per Foto, das wusste sie durch das Telefonat mit Sabrina. Theoretisch hätte sie zu dem Date gehen können und er hätte es nicht bemerkt. Sandra bekam seine Zeilen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und obwohl sie Angst hatte, reifte der Gedanke in ihr, hinzugehen.

Am Samstagmorgen, dem Tag des Treffens, sah Sandra unsicher in den Spiegel. „Meine Haare sehen bescheuert aus. Ich bin zu dick. Ich bin hässlich!“ Die Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie hatte längst beschlossen, hinzugehen, aber sie wollte sich noch schnell jeden denkbaren Grund geben, es nicht tun zu müssen. Was wusste sie denn über Thomas? Nichts. Aber die Art, wie er den Brief an eine ihm fremde Frau formuliert hatte – die hatte etwas. Sie streckte sich und sah noch einmal in den Spiegel. Aus dem Weinen heraus musste sie sich plötzlich selbst anlachen. Thomas hatte als Erkennungszeichen angegeben, dass er zwei Herz-Kekse auf den Tisch vor sich legen würde.

Als sie später die Wohnung in Richtung Restaurant verlassen hatte, war sie den Zwillingen von nebenan begegnet, die vor dem Haus die allseits beliebte Katze Bonny streichelten. Die beiden dankten Sandra für das Geschenk, das sie ihnen aus dem Urlaub mitgebracht hatte. Lea und Bea waren ihr hilfreich zur Hand gegangen, als sie eingezogen war und ihren Wohnungsschlüssel verlegt hatte. Sie hatten gerade eine Tüte Kekse dabei, aus der sie naschten, und jede der beiden schenkte Sandra lächelnd einen runden Keks mit einem Kakao-Herz in der Mitte. Gerührt ging sie mit den zwei kleinen Herzen in der Hand und dem einen großen pochenden in ihrer Brust weiter. Sie war unsicher, was passieren würde, wenn sie zuerst da wäre. Ob Thomas sie überhaupt erkennen würde? Und was wäre, wenn er gar nicht kommen würde? Wegen ihrer Aufregung hatte sie noch nichts gegessen und bekam auf dem Weg Hunger. So aß sie unterwegs kurzerhand einen der beiden Kekse auf.

Als sie das Restaurant betrat, sah sie einen Mann an einem Tisch sitzen. Das musste Thomas sein. Er gefiel ihr sofort. Vor sich auf dem Tisch hatte er aber nur einen Keks liegen, obwohl es laut Brief zwei sein sollten. Und sie konnte es nicht fassen: Es war das gleiche Keksherz wie ihres. Sie sah Thomas an, und ihr wurde klar, dass auch er nervös war und deshalb einen der beiden Kekse aufgegessen hatte. Wie sie ihn dort sitzen sah mit einem schuldbewussten Gesicht, musste sie lachen und hielt ihm ihren Keks mit den Worten entgegen: „Auch bei mir nur ein Überlebender!“. Sie legte ihren Keks zu seinem und setzte sich. Es wurde einer der schönsten Abende ihres Lebens.

Szene_03kw

Gefallen Euch unsere „Geschichten mit Keks“ ? Wir haben noch mehr davon in petto und freuen uns, dass wir auch von Euch schon Ideen und neue Geschichten bekommen haben. Unsere Zeichnerin Nicole Adler ist sehr fleißig, um jeweils schöne Illustrationen zu den Geschichten beizutragen.

Lasst Euren Gedanken freien Lauf, fordert Euer Schreibtalent heraus und schickt uns eine „Geschichte mit Keks“, denn wir wünschen uns zu Weihnachten (oder zu Ostern 😉 ) ein kleines feines Büchlein mit Keksgeschichten! Macht mit! Unsere „Fachjury“ hier im Team in der Keksfabrik sucht die schönsten Stories raus und schon ist Euch ein prominenter Platz auf dem Keksblog sicher! Ran an die Tastatur, ihr Lieben!

31. Aug 2014
Kommentare
2 Kommentare
Share

Print Friendly

2 Gedanken zu „Geschichten mit Keks: „Sandra und der doppelte Keks“

  1. Marianne Th.

    Das ist eine wunderbare, zu Herzen gehende Geschichte und ich habe sie gerne gelesen. Leider habe ich kein Schreibtalent und so freue ich mich auf weitere Erzählungen und das Büchlein mit den Keksgeschichten.

    Antworten
  2. Alois Thyssen

    Wirklich eine schöne Geschichte „rund um den Keks“.
    Ich hoffe, es folgen noch mehr!
    Liebe Grüsse an das HF Team
    Alois

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.